Hauptgefreiter Peter R. (23) fliegt zum ersten Mal mit der Bundeswehr nach Afghanistan

(PNP) Kirchberg. Zum Abschied wird jeder noch einmal fest gedrückt: Mama, Papa, Schwester und die kleine Nichte. Für den Hauptgefreiten Peter R. (23) beginnt in ein paar Tagen der Auslandseinsatz in Afghanistan. Die Eltern bringen ihn zum Treffpunkt an der Regener Bundeswehrkaserne. Auf den jungen Kirchberger kommen in den nächsten Monaten große Veränderungen zu. Ohne Familie und Freunde und bei durchschnittlich 40 Grad im Schatten leistet er im afghanischen Kundus seinen Auslandseinsatz ab.

 Blondes, kurz geschorenes Haar, 1,80 Meter groß und kräftig ist der junge Kirchberger. Die zwei Urlaubswochen vor dem Abflug hat er damit verbracht, sich mit Freunden und Familie zu treffen. Jeden will er vor dem Abflug noch einmal sehen. Vergangenen Samstag feierte er mit seinen Freunden noch eine Abschiedsparty. Nicht nur einmal war er den Tränen nahe.

Bei den Geschenken war ein Freund kreativer als der andere. Sehr gerührt war Peter, als er ein kleines Säckchen öffnete, in das seine besten Freunde sehr persönliche Dinge gesteckt hatten. Welche? Da gibt es einen offiziellen Rat der Bundeswehr: Solche Sachen sollten nicht öffentlich gemacht werden.

“Es hat schon Fälle gegeben, dass diese Dinge dann der Familie von Unbekannten zugeschickt worden sind”, sagt Florian Wagner, Sprecher des Regener Panzergrenadierbataillons, “zusammen mit wirklich üblen Briefen, in denen dann stand, dass der Soldat entführt worden sei”.

Als die Band bei R.s Abschiedsparty noch das Stück “Ein Kompliment” mit abgeändertem Songtext spielte, wischte sich der Soldat schnell die Tränen aus den Augen.

Nach der Schreinerausbildung und einem Jahr bei einer Stahlbaufirma in Regen erfüllte sich Peter R. einen lange gehegten Wunsch: Soldat bei der Bundeswehr werden. “Mir gefiel der Gedanke, Soldat zu sein”, erzählt er. Er meldete er sich für den Freiwilligen Wehrdienst und begann am 1. Januar 2011 seine Grundausbildung. Auf die Frage, ob die Ausbildung seinen Vorstellungen entsprach, antwortete er stets: “Mir gefällt’s sehr gut. Genauso, wie ich’s mir vorgestellt habe”. Vor allem die Führerschein-Lehrgänge für verschiedenste Bundeswehrfahrzeuge genoss er sehr. Bereits während der Grundausbildung zeigten sich sein besonderes Engagement und seine Einsatzbereitschaft, weshalb ihm auch die Vorgesetzten anschließend zu “SAZ 4”, der Laufbahn des Soldaten auf Zeit für vier Jahre, rieten. Doch für den 23-Jährigen war schon lange klar, dass er weiter für die Bundeswehr arbeiten will.

“Der Einsatz ist Arbeit, nicht Berufung” Peter R. wirkt weder nervös noch aufgeregt, wenn man ihn auf den Afghanistan-Einsatz anspricht. Angst hat er keine. Die Regener Bundeswehrsoldaten, die am 18. Februar 2011 in Afghanistan fielen, kannte er nicht persönlich. Trotzdem wird er nachdenklich und betrübt, wenn er an damals denkt. Einen Tag zuvor fand sein Gelöbnis auf dem Regener Stadtplatz statt.

“Am nächsten Tag hat uns unser Vorgesetzter dann offiziell darüber in Kenntnis gesetzt, dass unsere Kameraden verunglückt sind”, denkt Peter R. zurück. Danach habe er kurz gezweifelt, ob er sich weitere vier Jahre verpflichten soll. “Sofort dachte ich an die Familien – etwas Schlimmeres gibt es nicht”. Trotzdem: “Man fährt auch jeden Tag mit dem Auto, obwohl täglich Verkehrsunfälle in der Zeitung stehen”, vergleicht er. Er betrachtet den Einsatz als Arbeit – nicht als Berufung, Friedenssicherung oder Krieg.

Obwohl er zu den Jüngsten seiner Gruppe zählt, merkte man ihm selbst eine Woche vor dem Flug weder Nervosität noch Aufregung an. “Es fühlt sich an wie der erste Schultag – du freust dich darauf, weißt aber nicht, wie es sein wird.” Schon Vater und Großvater haben lange Zeit für die Bundeswehr gearbeitet, doch inspiriert hat ihn jemand anderes. Während seiner Zeit bei der Firma H. in Regen arbeitete er mit Kollegen, die viel aus ihrer Zeit als Soldat im Kosovo erzählten. “Ich hab immer gern zugehört, weil es mich sehr interessiert hat”. Für die Familie kam die Entscheidung für den Bund wenig überraschend. Als er sich für vier Jahre verpflichtete, war automatisch klar, dass ein Auslandseinsatz in Afghanistan unumgänglich war.

Die Mama erschrak, als die Nachricht kam, dass er im Juni zum Auslandseinsatz in den Nahen Osten fliegen würde. “Schon so bald?” Aktuell hat der junge Kirchberger keine Freundin. Doch selbst diese hätte seine Entscheidung für den Soldaten-Beruf nicht ins Wanken gebracht, sagt er.

Zwei Tage dauert es, bis R. gemeinsam mit den anderen Soldaten der Bundeswehr das Lager im afghanischen Kundus erreicht. Schon zwei Wochen zuvor haben die Männer jeweils zwei Gepäckkoffer mit Kleidung weggeschickt. “Laptop und E-Book habe ich eingepackt”, sagt R. Viele nehmen sich Filme mit, doch Peter R. liest lieber. Er hat sich schon einen Vorrat heruntergeladen – die apokalyptischen Science-Fiction-Romane der Metro-Reihe und Tolkien-Romane.

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