Regen. Einige Wanderer waren am Anfang dieser Woche bestimmt äußerst verwundert, als sich die Bayerwaldgrenadiere bei den Rißloch-Wasserfällen abgeseilt oder die alte Eisenbahnbrücke in Bettmannsäge überquert haben. Diese Ausbildung gehörte zu einer großflächig angelegten Übung, bei der die teilnehmenden Soldatinnen und Soldaten auf dem Arber starteten und sich von dort zwei Tage lang bis zur Kaserne „durchschlagen“ mussten. Durchschlagen – dafür steht beim Militär in der Regel ein Szenar, bei dem man durch Kampfhandlungen von der eigenen Truppe getrennt wurde und sich zu dieser eben wieder durchschlagen muss. Möglichst schnell, dabei aber leise und getarnt unter Vermeidung von Konfrontationen mit dem Feind, über Stock, Stein und Gewässer.

Die dritte Kompanie des Panzergrenadierbataillon 112 in Regen führte diese zweitägige teambildende Maßnahme durch. Sie war sowohl physisch als auch psychisch enorm fordernd für die teilnehmenden Soldatinnen und Soldaten. Nicht alle schließen eine solche Übung erfolgreich ab. Neben dem Aspekt des Teambuildings sind solche Übungen aber auch für die militärische Ausbildung wichtig und zeigen jeder und jedem Einzelnen den Umfang der eigenen Leistungsfähigkeit auf.

Wie zivile Arbeitgeber legt auch die Bundeswehr großen Wert auf sogenannte Teambuilding-Maßnahmen – nur eben in der Regel mit militärischem Bezug. Teambuilding ist seit den 70er Jahren ein wichtiger Bestandteil in jedem Arbeitsumfeld. Durch solche Maßnahmen soll unter anderem das Klima am Arbeitsplatz erfreulich gestaltet und die Motivation sowie die Leistungsfähigkeit gesteigert werden.

Gemeinsame Erfolge erhöhen die Motivation und stärken den Zusammenhalt. So bissen die Bayerwaldgrenadiere die Zähne zusammen und spornten sich gegenseitig zu Höchstleistungen an.

Die erste Hürde: Abseilen an den Rißloch-Wasserfällen

Nach dem eingangs langen Gefechtsmarsch erschöpft, aber noch immer frohen Mutes, erreichte die Gruppe den ersten Meldepunkt – die Rißloch-Wasserfälle. Nun galt es, diese zu überqueren. Nichts kann die Bayerwaldgrenadiere aufhalten – nicht einmal Höhenangst. Mit trainierten Handgriffen sicherten sie sich an einem Baum und seilen sich anschließend routiniert nacheinander und unter Sicherung der eigenen Kräfte ab.

Die zweite Hürde: Der Weg zur anderen Straßenseite mal anders

Die eigenen Ängste zu überwinden gehört zum Soldatenberuf. Für den einen ist es die Höhe, beim Anderen enge Räume. Die nächste Herausforderung waren enge Tunnel unter einer viel befahrenen Straße. Zwei Tunnel: Bei dem einen lief zudem noch ein Bach durch, der andere war dafür schmaler und enger. Welchen Tunnel die Gruppe nimmt, entschied der Gruppenführer nach vorheriger eingehender Erkundung. Er entscheidet sich für den kleineren und engeren Tunnel. Klare Anweisungen an die Gruppe, wer sichert und in welcher Reihenfolge gehen wir durch und dann los. Es ist eng und mit Ausrüstung noch viel enger. Aber in kürzester Zeit ist die Gruppe durch und marschiert weiter.

Die dritte Hürde wartet bereits: Gewässerüberquerung

Der nächste Tag dieser erlebnisorientierten Ausbildung bricht an. Die Soldateninnen und Soldaten hatten erst sehr spät ihr Versteck bezogen, schon bekommen sie den nächsten Auftrag: Im Eilmarsch Gewinnen eines 1500 Meter entfernten Übergangs über den Fluss Regen mittels eines Seilstegs. Unter Mobilisierung letzter Kräfte wurde auch diese Herausforderung bewältigt. Doch die Soldatinnen und Soldaten waren bei diesem Marsch nicht schnell genug und die Übersetzstelle war bereits abgebaut, als sie diese erreichten. Bleibt nur noch die alte Eisenbahnbrücke in Bettmannsäge. Ein Umweg von 1500 Metern. Bei Temperaturen um die 35°C und mit etwa 40 Kilo Gepäck ist das die nächste Herausforderung, die die jungen Soldatinnen und Soldaten bewältigen müssen. Unter der ständigen Sicherung der eigenen Kameradinnen und Kameraden kletterten die ersten die enge Leiter der Brücke hoch, um oben ein Seil vorzubereiten, mit dem die Rücksäcke nachgezogen werden konnten.

Der Hinterhalt

Die Gruppe war bereits seit zwei Tagen auf dem Marsch. Plötzlich hallte es durch den Wald „Feind von hinten“. Der stellvertretende Gruppenführer klärt ein feindliches Fahrzeug auf, das sich mit hoher Geschwindigkeit der Schützenreihe nähert.

Routiniert eröffneten der stellvertretende Gruppenführer und sein Nebenmann das Feuer auf den Feind. Die Gruppe nutzt die soeben geschaffene Feuerüberlegenheit, um in Deckung zu gehen. Das Feuer der gesamten Gruppe zwingt zuletzt den Feind zum Ausweichen. Der Angriff wurde abgewehrt.

Die Freude währt nur kurz – Verwundung eines Kameraden, Durchschuss rechter Oberschenkel. Die Gruppe versorgte und transportierte den Verwundeten Kameraden unter Eigensicherung und hohem körperlichen Einsatz zum Aufnahmepunkt. Niemand wird zurückgelassen – das ist ein wichtiger Grundsatz bei der Truppe, Sinnbild von Kameradschaft und Zusammenhalt. Es muss auch allen bewusst sein, dass in solchen Situationen jede Sekunde zählt.

Die Freude ist kaum in Worte zu fassen: Das Ziel ist erreicht!

Alle Anstrengungen sind rasch vergessen, als die Gruppen geschlossen den Lastkraftwagen erreicht, der das Ende der 72 Stunden durchgängigen Ausbildung markiert. Die Bayerwaldgrenadiere haben einen neuen Höhepunkt ihrer militärischen Laufbahn erlebt, und alle gehen physisch und psychisch gestärkt heraus.

Erlebnisorientierte Ausbildung: Großer Aufwand mit noch größerer Wirkung

Die jungen Soldatinnen und Soldaten sollen körperlich und geistig herausgefordert werden. Zudem zeigt es ihnen, wie hochgradig belastende Situationen durch Training routiniert bewältigt werden können.

Mit Kameradschaft können Soldatinnen und Soldaten zusammen stark sein. Die Verbesserung der Widerstandskraft und Robustheit der Teilnehmenden war Ziel dieser Maßnahme.

Mit seinen vielen verschiedenen Stationen und einer Dauer von 72 Stunden ist diese Übung sowohl physisch als auch mental anspruchsvoll für die jungen Soldatinnen und Soldaten.

Das Überwinden der Hindernisse auf Zeit ist alleine mit der persönlichen Ausrüstung auf dem Rücken schon ein Kraftakt. Aber was wäre eine Aufgabe ohne Herausforderungen?

Beim Überwinden dieser Hindernisse zählten ausgeprägter Durchhaltewille und die Kameradschaft, um diese Herausforderung als Gruppe bewältigen zu können. Dies sind alles Kerneigenschaften, für die der Beruf ‚Soldat‘ steht und die einen guten militärischen Angehörigen auszeichnen. Genau aus diesem Grund ist die Ausbildung der Bayerwaldgrenadiere fordernd angelegt und konzentriert sich auf das fachliche Können und die körperliche Leistungsfähigkeit.

Text: Celine Amse

Foto: Celine Amse, Bw