Beim jüngsten Afghanistan-Einsatz war von den Regener Soldaten allerhand Flexibilität und Gelassenheit gefordert

(PNP) Von Johannes Fuchs Regen. In den letzten afghanischen Wochen verfliegt die Zeit. Man schmiedet Pläne für zuhause. “Und dann”, sagt Ronny Setzepfandt, “nach der Rückreise, brauch ich einen Tag, und ich bin wieder mittendrin.” Major Setzepfandt war Chef der 32-köpfigen Gruppe des Regener Panzergrenadierbataillons, die gerade ihren sechsmonatigen Afghanistan-Einsatz beendet hat. Er, sein Vize, Hauptmann Christian Bannemer-Schult, Hauptfeldwebel Matthias Mader und ihre Leute sind seit knapp vier Wochen wieder in Deutschland, der Urlaub ist vorbei − in diesen Tagen steigen sie wieder in die Arbeit in der Bayerwald-Kaserne ein.

Der Routinier kennt Afghanistan schon seit elf Jahren

Und in der Frage, wie man nach so langer Zeit wieder bei der Familie und im deutschen Alltag ankommt, ob es schwierig sei, wieder umzuschalten auf deutsches Tempo, deutsches Klima, da sind sich die drei Berufssoldaten ziemlich einig. “Man wird gleich mal krank, weil’s hier schneit”, sagt Mader lakonisch. “Aber ansonsten muss ich mich nicht lange eingewöhnen.” Mader ist allerdings auch Routinier: Er war schon 2002 zum ersten Mal in dem Kriegsgebiet am Hindukusch eingesetzt.

Wie fällt die Bilanz der Rückkehrer aus? Er kommt hier um den ungeliebten Begriff “Flexibilität” nicht herum, meint Setzepfandt, ein Mann mit sächsischem Tonfall, der souveräne Ruhe ausstrahlt. Denn der Einsatz der Regener verlief keineswegs nach Plan, das begann schon beim Hinflug im Juli. Die 32 Mann flogen zum Flugplatz Duschanbe in Tadschikistan und sahen dort zu ihrer Überraschung zwei Fluglisten hängen. Nach Plan hätten sie zusammen ein Bataillon der afghanischen Armee als Mentoren begleiten und schulen sollen. Tatsächlich wurde die Gruppe dreigeteilt. Setzepfandt wurde als Mentor einem Polizeigeneral zugewiesen, seine Leute in zwei gleich großen Gruppen nach Kundus und nach Masar-i-Scharif geschickt. Von “Mentoring” war bei ihnen keine Rede mehr, ihr neuer Auftrag: Den Sicherungszug bilden für Mentoren der ISAF-Truppen, die hohe Offiziere einer afghanischen Brigade begleiteten.

Ein Job, der für die Regener, unter ihnen zahlreiche einsatzerfahrene Soldaten, kein Problem war. Aber die unerwartete “Programmänderung”, die Teilung der ohnehin kleinen Gruppe: “Da ist man schon gefordert”, sagt Hauptfeldwebel Mader, “das den Soldaten verständlich zu machen.” Schließlich ist die Moral ein entscheidender Faktor.

Dabei findet Bataillonskommandeur Diehl, selbst erfahrender Afghanistan-Soldat, den Vorgang gar nicht so verwunderlich. Der Auftrag der Bundeswehrsoldaten am Hindukusch unterliegt eben derzeit einem grundlegenden Wandel. Vor zehn Jahren standen sie ganz allein für ein Mindestmaß an Struktur in einem zerstörten Land, jetzt sollen sie sich zurücknehmen. Denn bis Ende 2014 soll der afghanische Staat mit seiner Armee die Lage selbst kontrollieren. “Derzeit müssen sich noch bis zu 18 Nationen in der ISAF-Truppe koordinieren, dazu noch die afghanische Armee”, erklärt er. Und so geschah es eben, dass das Bataillon, das die Regener im Norden Afghanistans unter ihre Obhut nehmen sollten, gar nicht in den Norden verlegt wurde . . .

Mentor werden − ungewohnte Aufgabe für die Kampftruppe

Dabei hatten die Regener eigens vor der Abreise zwei Wochen lang mit einer Einheit aus Osteuropa das Mentoring praktisch trainiert. “Und zwar”, wie Bannemer-Schult erklärt, “speziell für Einheiten, die schon besser ausgebildet sind.” Eine für die Grenadiere ungewohnte und schwierige Aufgabe: Wie würde es sein, afghanischen Soldaten, vom Zugführer bis hinauf zum Kommandeur des “Kandagh” über die Schulter zu schauen, eventuell auch bei militärischen Einsätzen? Den Dolmetscher das eigene Englisch in die Landessprache übersetzen zu lassen?

Bannemer-Schult hat Afghanistan-Erfahrung, der Chef der 4. Kompanie des Regener Bataillons kennt die Unterschiede in der Mentalität ebenso wie sein Chef Heiko Diehl. “Die Afghanen haben ihr eigenes System”, sagt Bannemer-Schult, “wir gewinnen da nichts, wenn wir mit den uns vertrauten exakten Dienstplänen daherkommen.” Das hatten sich er und Diehl auch fürs Mentoring vorgenommen: Beobachten, selber lernen, kommentieren, aber nichts überstülpen. “Es braucht eine gewisse Gelassenheit”, meint Diehl, “wenn etwa zu einer angesetzten Schulung mal statt 200 nur 20 Soldaten kommen, weil kurzfristig ein Feiertag angesetzt wurde.”

Auch wenn die sorgfältig vorbereiteten Mentoring-Pläne dann kräftig durcheinandergewirbelt wurden: Nach Ablauf der sechs Monate ziehen die Rückkehrer eine positive Bilanz. So klappte die Kommunikation mit den Familien zuhause mittlerweile reibungslos, lobt Setzepfandt, Handy-Empfang, Internet-Zugang, Bild-Konferenz via Skype sind mittlerweile rund um die Uhr möglich. “Da waren wir angenehm überrascht.” Und im gleichen Maß habe sich innerhalb von fünf Jahren die Sicherheitslage, die Situation der Bevölkerung, die Infrastruktur verbessert.

Während die Rückkehrer jetzt wieder mit dem Alltag in der Kaserne warm werden, schaut Oberstleutnant Diehl schon auf den Sommer. Ab Juli geht er zusammen mit voraussichtlich drei Kompanien seines Bataillons nach Afghanistan, Diehl wird dazu noch Einheiten von anderen Standorten der Panzerbrigade unter seinem Kommando haben. Der Auftrag diesmal: Das Feldlager Kundus abwickeln, die Regener werden wohl das letzte Kontingent dort sein.

Diehl sieht es als gutes Zeichen, dass einige der 32 Männer vom jüngsten Einsatz gerne wieder mitfahren würden. Aber da bleibt der Chef hart, er verordnet ein einsatzfreies Jahr. “Man ist immer schnell wieder im Heimat-Modus”, meint Diehl, “aber nur zu 80 Prozent. Und für manches braucht man doch noch mehr Zeit zum Verarbeiten.”

Sie berichten vom sechsmonatigen Afghanistan-Einsatz des Regener Bataillons: (von links) Hauptmann Christian Bannemer-Schult, Oberstleutnant Heiko Diehl, Major Ronny Setzepfandt und Hauptfeldwebel Matthias Mader.

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