Oberstleutnant Günther Arend ist Rekordhalter: Der Offizier war 17 Jahre am Bundeswehr-Standort Regen

Regen. Seit 1994 ist der technische Stabsoffizier Günther Arend (58) im Panzergrenadierbataillon 112 in Regen stationiert. Als er 1994 seinen Vorgänger Oberstleutnant Armin Horenburg ablöste, der 13 Jahre in Regen war, meinte der zu Arend: “So viele Jahre werden sie wohl nicht schaffen.” Horenburg hat sich getäuscht. 17 Jahre war Arend, der heute in den Ruhestand verabschiedet wird, beim Panzergrenadierbataillon 112 in Regen. Länger als jeder andere Offizier. Zehn Kommandeure hat Arend in Regen erlebt. Nur 2001/02 hat er zwei Auswärts-Jahre dazwischengeschoben, als er am Logistikamt der Bundeswehr war – aber dann sehr gerne wieder an den Standort Regen zurückgekommen ist. Ein Gespräch mit Arend über das Regener Bataillon und über die Veränderungen der Bundeswehr in den vergangenen zwei Jahrzehnten.

 Was waren Ihre erste Gedanken, als sie erfahren haben, dass Sie nach Regen versetzt werden?

Arend: Wo ist Regen? Wie groß ist die Stadt? Der nächste Gedanke war schon ein positiver: Regen ist ja nicht allzu weit weg von der Oberpfälzer Heimatregion meiner Frau. Und außerdem war die Position in Regen eine Herausforderung: Für mich war es die erste Verwendung in einem Kampfbataillon, außerhalb der eigenen logistischen Truppengattung, aus der ich komme.

Hatte das Regener Bataillon einen besonderen Ruf?

Arend: Das Bataillon kannte ich nur vom Hörensagen im Zusammenhang mit der Divisions-Skimeisterschaften. Einen besonderen Ruf hatte das Bataillon damals noch nicht. Der damalige Schwerpunkt der Bundeswehr war mit der Wiedervereinigung verbunden. Es ging um die Einbindung der Soldaten aus der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR. Es war ja die Zeit vor den Auslandseinsätzen, bei denen sich die Einheiten stark profilieren konnten.

Er war Chef im Bataillon, ohne Chef zu sein Mitte der 90er Jahre begannen die Auslandseinsätze, wie viele haben Sie mitgemacht?

Arend: Mein erster Einsatz war 1997 in Sarajewo, es folgten der Kosovo-Einsatz 2000, wieder Sarajewo 2005. Vier Mal war ich Bataillonsführer, weil der Kommandeur im Einsatz war, das war 2004, 2006, 2008 und 2011. 2011 war auch das Jahr, in dem das Bataillon erstmals in seiner über 50-jährigen Geschichte drei im Auslandseinsatz gefallene Soldaten zu beklagen hatte.

War das ihr schwerster Moment als Soldat?

Arend: Ja, das war ein Schock. Das Überbringen der Nachricht an die Angehörigen war unheimlich schwer und belastend, die Erinnerung daran kommt immer wieder. Als sehr positiv empfinde ich es, dass ein großer Teil der Angehörigen der gefallenen Kameraden weiterhin intensiven Kontakt zum Bataillon hält.

Die zweite sehr schwere Situation in meinem Soldatenleben gab es Anfang der 90er Jahre, als es um die Eingliederung der Nationalen Volksarmee in die Bundeswehr ging. Ich musste 120 Männer beurteilen, bei denen es darum ging, ob sie in die Bundeswehr übernommen werden konnten. Das waren zum Teil sehr schwere Entscheidungen.

Wie hat sich der Standort Regen durch die Auslandseinsätze verändert?

Arend: Die Aufgaben der Streitkräfte haben sich mehrfach verändert. Anfangs war es eine Armee zur Landesverteidigung im Rahmen der Nato; dann gehörte das Regener Bataillon zu den Krisenreaktions- und Stabilisierungskräften für den Balkan, schließlich zu den robusten Streitkräften für den kriegsähnlichen Einsatz am Hindukusch in Afghanistan. Das Bataillon ist von einer grenznahen Einheit zur Verteidigung unserer Heimat zum hochmobilen Bataillon geworden, das auch außerhalb der Landesgrenze in Konfliktgenerationen eingesetzt wird. Seit der Wiedervereinigung hat die Bundeswehr drei Strukturänderungen durchgemacht. Die Aufgaben haben sich massiv gewandelt, gleichzeitig ist die Bundeswehr stark geschrumpft: von ehemals 500000 Soldaten auf heute 170000, die ausschließlich Zeit- und Berufssoldaten sind.

Sehen Sie diese Veränderungen positiv oder negativ?

Arend: Sowohl als auch – die Aufgaben der Auslandseinsätze sind interessant, fordernd, Soldaten erweitern dadurch ihren Horizont, machen Erfahrungen, die man nirgendwo anders machen kann – und können aus dieser Perspektive auch eine ganz andere Sicht auf die Heimat gewinnen.

Die Kehrseite ist die zeitliche Belastung. Zu den oft sechs bis sieben Monaten Einsatz, und das alle zwei Jahre, kommt eine intensive Vor- und Nachbereitung mit vielen Übungsplatzaufenthalten. Die lange Trennung von der Familie, dem Partner, dem Bekanntenkreis ist eine hohe Belastung und zeigt sich auch in der hohen Scheidungsquote. Zum anderen hat sich das Bewusstsein und die Berufseinstellung vieler, meist älterer Soldaten, deutlich geändert Vor allem durch die im Einsatz erfahrenen konkreten Gefährdungen für den Einzelnen.

Die Soldaten sind nachdenklicher geworden

Der Verlust von drei Kameraden und die körperliche und seelische Verwundung mehrerer Soldaten im Afghanistaneinsatz 2011 hat viele sehr nachdenklich und ernsthafter werden lassen. Die Besorgnis der Familien um ihre Einsatzsoldaten ist durch diese tragischen Erfahrungen deutlich größer geworden.